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Vertrauen im Online-Seminar: physisch getrennt, aber sozial verbunden

Fragen stellen, Erfahrungen von anderen hören, neue Perspektiven gewinnen – Seminare vor Ort und im virtuellen Raum leben vom Austausch in der Gruppe.

Doch manchmal ist es ein zähes Unterfangen, die gewünschte Gruppendynamik zu entfachen. Vielleicht hast du sogar schon einmal selbst in einem virtuellen Seminar erlebt, dass der Austausch einfach nicht so richtig in Schwung kommen wollte. Vielleicht hast du immer mehr Fragen gestellt, in der Hoffnung, dass doch noch eine Diskussion entstehen könnte. Trotz all deiner Bemühungen kam jedoch leider keine richtige Interaktion zustande. Hoffentlich ist das nur ein hypothetisches Beispiel und du hast das so noch nie erlebt. Falls doch, dann lag es womöglich daran, dass nicht genügend Vertrauen in der Gruppe vorhanden war.

Online ist der Beziehungsaufbau schwieriger als offline. Und deshalb ist es umso wichtiger, dass wir in einem Live-Online-Training Momente gestalten, um eine vertrauensvolle Lernatmosphäre herzustellen.

In diesem Blogartikel erfährst du, warum der Beziehungsaufbau online herausfordernder ist und ich gebe dir drei einfache Tipps mit, die beim Aufbau von Vertrauen im Online-Seminar helfen können.

Unterschiede offline und online

Um zu verstehen, warum der Vertrauensaufbau online schwieriger ist als offline, hilft es, wenn wir uns bewusst machen, worin die Unterschiede zwischen einem Präsenz- und einem Online-Seminar liegen.

Präsenzveranstaltung

Stell dir vor, du gehst heute zu einem Präsenzseminar.

Du kommst etwas eher an, etwa eine halbe Stunde vor Kursbeginn. Und du schaust dich um, wer noch alles da ist. Dabei bekommst du einen ersten ganzheitlichen Eindruck von den Personen, denn du siehst sie von Kopf bis Fuß und nimmst dabei ihrer Gestik, ihre Mimik und ihre Stimmen wahr.

Vertrauen im Präsenzseminar

Nun holst du dir erst einmal einen Kaffee. Vor der Kaffeemaschine hat sich eine kleine Schlange gebildet und du kommst so mit der Dame vor dir, einer anderen Teilnehmerin, ins Gespräch. Es ist ein vermeintlich belangloses Gespräch, nur ein bisschen Small Talk, über den Kaffee und süße Teilchen und vielleicht auch über das Wetter.

Mit deinem Kaffee in der Hand gehst du zu einem Stehtisch, wo schon ein paar andere Teilnehmenden plaudern. Du bringst dich in das Gespräch ein und stellst dabei schon fest, mit wem du auf einer Wellenlänge bist und mit wem du vielleicht sogar Gemeinsamkeiten hast.

Und all das passiert noch VOR dem eigentlichen Start des Seminars und somit vor der offiziellen Vorstellungsrunde.

Durch die gemeinsame Raumerfahrung nehmen wir die Anwesenden immer ganzheitlich wahr. Dazu gehören nicht nur die informellen Pausengespräche und das gemeinsame Mittagessen, sondern auch die nonverbale Kommunikation. Allein die Tatsache, dass wir am gleichen Ort sind, verbindet ungemein und hat einen großen Einfluss auf das Vertrauen in der Gruppe.

Online-Seminar

Und jetzt schauen wir einmal, wie der Ablauf vor einem Online-Seminar aussehen kann. Das ist jetzt vielleicht ein wenig überspitzt, aber tatsächlich habe ich das auch schon einige Male genauso erlebt.

Stell dir nun also vor, dass du ein Online-Seminar besuchst. Alles, was ich eben zum Präsenzseminar gesagt habe, fällt online weg. Du sitzt alleine vor dem Bildschirm und bist womöglich bis kurz vor Start des Seminars noch in einem beruflichen Call und somit gedanklich eigentlich auch noch komplett dort.

Vertrauen im Online-Seminar: Jeder ist für sich alleine vor dem Bildschirm

Du wechselst nun also beinahe nahtlos von der einen Webkonferenz zur nächsten, um den virtuellen Raum des Online-Trainings betreten zu können. Hierbei musst du noch nicht einmal aufstehen oder in einen anderen physischen Raum gehen, es braucht schließlich nur ein oder zwei Klicks.

Wenn du eingewählt bist, schaust du auf deinen Bildschirm, um dir einen Überblick zu verschaffen und um zu sehen, wer noch so alles bei diesem Training dabei ist. Vielleicht kennst du ja den ein oder anderen Teilnehmenden bereits.

Doch was du siehst, hilft dir nicht gerade, um dir ein Bild von den anderen Teilnehmenden machen zu können, denn nur ein paar wenige haben ihre Kamera an. Die meisten haben sie deaktiviert und du siehst nur ihren Namen. Wenn die Kamera aus ist, dann wirkt das immer distanzierend auf die anderen. Das erschwert natürlich eine vertrauensvolle Lernatmosphäre ungemein…

Doch auch wenn alle Kameras an sind, dann siehst du immer nur einen Ausschnitt der Personen, nämlich ihren Kopf und einen Teil des Oberkörpers. Das sind wesentlich weniger Eindrücke von den Personen als du in einer Präsenzveranstaltung bereits vor dem eigentlichen Beginn bekommst.

Deaktivierte Kameras erschweren das Vertrauen im Online-Seminar.

Videokonferenzen verbinden uns über die Distanz, doch sie können uns auch trennen. Ganz offensichtlich ist das der Fall, wenn das Internet ausfällt, aber das meine ich gar nicht. Mir geht es um die Tatsache, dass wir durch die Technik eine verzehrte Wahrnehmung des Gegenübers haben.

Wir haben zwar das Gefühl, dass wir gleichzeitig im Videocall sind, doch die Übertragung dessen, was wir hören und sehen ist selbst bei einer sehr guten Internetverbindung minimal zeitversetzt. Das kann dazu führen, dass wir einander unabsichtlich ins Wort fallen, was natürlich keinen besonders guten Eindruck macht. Die verzögerte Übertragung ist übrigens auch der Grund, dass wir online ein kleines bisschen unsympathischer wirken als im analogen Seminarraum.

Und leider spinnt die Technik hin und wieder. Bei einer schlechten Verbindung friert womöglich das Bildschirmbild ein oder wir klingen wie ein blecherner Roboter. Du kannst dir sicher vorstellen, dass auch das nicht besonders vertrauenerweckend ist.

Online fehlen uns im Vergleich zu offline Informationen, die für unsere psychologische Sicherheit und somit für eine vertrauensvolle Lernumgebung wichtig sind.

Vertrauen ist die Grundlage für soziale Interaktion

Soziale Interaktion ist nur dann wirksam möglich, wenn in der Gruppe genügend Vertrauen vorhanden ist. Psychologische Sicherheit ist fürs Lernen im Allgemeinen sehr wichtig und in Online-Veranstaltungen musst du noch etwas mehr dafür tun. Dadurch dass sämtliche informellen Situationen wegfallen, entsteht die Verbindung unter den Teilnehmenden nicht zufällig. Hier hilft nur eins: Du musst dein Online-Seminar so designen, dass genügend (persönliche) Anknüpfungspunkte zwischen den Teilnehmenden entstehen können.

Doch der Vertrauensaufbau braucht Zeit. Nicht nur online, aber dort besonders. Zeit wiederum ist eine wichtige Ressource, schließlich ist das Seminar nicht unendlich lang. Mach dir daher klar, wie viel Verbundenheit es in der Gruppe für die Lernziele wirklich braucht. Die Teilnehmenden sollen keine besten Freunde werden, aber sie sollen sich sicher genug fühlen, um sich einbringen zu wollen.

Du liest hier bestimmt schon heraus, dass das Thema eine Rolle spielen kann. Es macht durchaus einen Unterschied, ob du ein Softwaretraining oder Resilienzseminar gibst. Letzteres braucht deutlich mehr Vertrauen, wenn zum Beispiel persönliche Geschichten geteilt werden sollen.

Übrigens, letzte Woche habe ich ein interessantes Interview über die Relevanz der psychologischen Sicherheit fürs Lernen in Teams oder Gruppen, die über einen längeren Zeitraum zusammenarbeiten, gehört. Falls dich das Thema interessiert, dann kann ich dir die Podcastepisode empfehlen, in der sich Matthias Wiencke mit Joona Bradtke darüber unterhält.

Im Dezember findest du auf meinem Blog einen 

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Teilnehmerinteraktion & eine überzeugende Trainerpräsenz im virtuellen Raum

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3 Tipps für mehr Vertrauen im Online-Seminar

Wenn wir ein Präsenzseminar mit einem Online-Seminar vergleichen, wird schnell deutlich, dass offline schon sehr viel Beziehungsaufbau nebenbei passiert. Online jedoch nicht. Mit anderen Worten, du muss dein Live-Online-Training so gestalten, dass genügend Vertrauen in der Gruppe entstehen kann.

Hierzu möchte ich dir drei einfache Tipps mitgeben.

Kameras an!

Selbstverständlich in ein kleiner Ausschnitt der Person besser als kein Bild. In einer Trainingssituation sollten alle, TrainerInnen und Teilnehmende, die Kamera aktivieren. Der einzige Grund eine Kamera auszuschalten, ist, wenn die Qualität im virtuellen Raum beeinträchtigt ist, also wenn z.B. der Ton oder die Bildübertragung verzehrt sind.

Nicht alle fühlen sich vor der Webcam wohl. Auch hier spielt die psychologische Sicherheit rein. An dieser Stelle hilft eine klare Kommunikation von Anfang an, z.B. in dem du bereits vor der Anmeldung darauf hinweist, dass die Kameras und Mikros im Training eingesetzt werden. So wissen die Teilnehmenden, was sie erwartet und werden im Online-Seminar nicht überrumpelt.

Verbinde das Kennenlernen mit kleinen Spielen, bei denen die Webcam benutzt werden muss. Auf diese Weise gewöhnen sich deine Teilnehmenden an die Kamera und es fühlt sich schnell ganz natürlich für sie an.

Gestalte deinen Auftritt vor der Webcam

Du kannst mit deinem „Auftritt vor der Kamera“ einiges für den Beziehungsaufbau zu den Teilnehmenden tun.

Kommuniziere auf Augenhöhe

Wichtig ist, dass du gut zu sehen bist. Achte zum Beispiel darauf, dass du kein Fenster im Rücken hast, denn das führt dazu, dass dein Gesicht schattig wird. Licht sollte also von vorne auf dein Gesicht fallen, damit du gut erkennbar ist.

Teile den Bildschirm gedanklich in drei Teile, indem du dir auf dem Bildschirm zwei horizontale Hilfslinien vorstellst. Positioniere dich so, dass deine Augen ungefähr auf der oberen Linie sind. Alternativ kannst du dich auch daran orientieren, dass eine handbreite Luft über deinem Kopf ist.

Achte außerdem darauf, dass die Kamera auf der Höhe deiner Augen ist, also auch auf der oberen Linie, denn nur so kannst du mit deinem Gegenüber auch auf Augenhöhe kommunizieren. Das ist wirklich sehr wichtig, denn wenn die Kamera unterhalb der Augenlinie ist, also zu tief, dann machst du dich größer und schaust auf die anderen herab. Dadurch wirkst du belehrend oder sogar arrogant und transportierst auf diese Weise unbewusst etwas, was du wahrscheinlich gar nicht möchtest.

Gestalte deinen Auftritt vor dem Webcam für mehr Vertrauen im Online-Seminar.

Stelle Blickkontakt her

Der Blickkontakt ist eine wunderbare Möglichkeit, um eine Beziehung herzustellen. Online funktioniert er allerdings anders als offline. Wenn du einen einzelnen Teilnehmenden auf dem Bildschirm direkt anschaust, dann bekommt die Person das gar nicht mit. Im Gegenteil, es wirkt, als würdest du wegschauen, als wärst du vielleicht abgelenkt oder mit etwas ganz anderem beschäftigt.

Damit dein Gegenüber also dieses Gefühl hat, dass du sie oder ihn anschaust, musst du direkt in die Kameralinse schauen. Mach das so oft wie möglich, insbesondere, wenn du sprichst. Das ist gerade am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig. Und da kann es helfen, wenn du dir eine kleine Erinnerung neben die Linse klebst, z.B. ein Post-it.

Blickkontakt im Online-Seminar herstellen - so nicht!
Der Blick auf den Bildschirm lässt mich abgelenkt oder gedanklich abwesend wirken.
Blickkontakt im Online-Seminar herstellen - so geht's!
Durch meinen Blick in die Kameralinse hast du das Gefühl, dass ich dich direkt anschaue.

Kompensiere die fehlenden informellen Gespräche

Die informellen Pausengespräche an der Kaffeemaschine fallen online weg. Deshalb solltest du unbedingt genügend Raum für informellen Austausch schaffen. Plane das bereits beim Design deines Lernangebots ein, dehne die Vorstellungsrunde aus und nutze Methoden, bei denen sich die Teilnehmenden kennenlernen und persönliche Anknüpfungspunkte finden können.

Ich plane zum Beispiel etwas Extrazeit für die erste Gruppenarbeit in Breakout Räumen ein. So können sich die Teilnehmenden auch ein wenig kennenlernen, bevor sie die eigentliche Aufgabe bearbeiten.

Weitere Anregungen und Umsetzungstipps von über 20 erfahrenen Online-TrainerInnen findest du im Blogartikel „So gelingt eine vertrauensvolle Lernatmosphäre im Live-Online-Training“.

Fazit

Online sehen wir immer nur einen kleinen Ausschnitt der anderen Personen, wir haben keine gemeinsame Raumerfahrung und auch die beiläufigen Pausengespräche fallen weg. Daher fehlen uns online viele Informationen, die uns Sicherheit geben und genau das erschwert den Beziehungsaufbau. Vertrauen in der Gruppe entsteht online nicht zufällig. Du musst dein Seminarkonzept darauf ausrichten und entsprechende Methoden nutzen, um die fehlenden informellen Begegnungen zu kompensieren.

Das Ziel sollte sein, dass die Teilnehmenden sich in der Gruppe sicher genug fühlen, um sich einzubringen. Da der Beziehungsaufbau online jedoch besonders zeitintensiv ist, solltest du beim Trainingsdesign entscheiden, wie viel Verbundenheit es für das Thema und die Lernziele tatsächlich braucht.

Oftmals haben kleine Veränderungen zu Beginn des Online-Seminars bereits einen großen Einfluss auf die gemeinsame Zeit im virtuellen Raum.

Wie schaffst du es online Vertrauen in der Gruppe herzustellen? Schreib mir deinen Tipp in einem Kommentar.

Vertrauen im Online-Seminar entsteht nicht zufällig.
Dein Auftritt vor der Webcam hat Einfluss auf den Beziehungsaufbau im Online-Seminar.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Sanne

    Liebe Sandra,
    Danke für die hilfreichen Tipps! Ich muss kommende Woche ein 8-stündiges Online-Seminar halten und fühle mich jetzt besser vorbereitet.
    Herzliche Grüße,
    Sanne

    1. Sandra Schmid

      Liebe Sanne,
      es freut mich sehr, dass der Artikel genau zur richtigen Zeit für dich erschienen ist! Viel Erfolg bei deinem Online-Seminar! 🙂
      Liebe Grüße
      Sandra

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